Offener Brief: In Marburg gilt immer noch: Kein Raum für Sexismus, Homophobie und religiösen Fundamentalismus

Der Christus-Treff (CT) ist Teil einer Bietergemeinschaft, die den alten Lokschuppen aufkaufen will. Wir protestieren stark dagegen, dass der CT noch mehr Räumlichkeiten für Jugendliche und Kinder in der Stadt Marburg bekommt, um sie zu „begeistern“ (missionieren)1. Der CT ist eine evangelikal-fundamentalistische Gemeinde, eine konservative Strömung innerhalb des Protestantismus, die durch ihre Bibeltreue, ihren Absolutheits- und Missionierungsanspruch gekennzeichnet ist. Teil dessen ist ein ultrakonservatives Geschlechterbild, Homo- und Trans*feindlichkeit und eine Positionierung gegen die freie Wahl beim Thema Schwangerschaftsabbruch. Diese Diskriminierungen kleidet der CT jedoch in offene und scheinbar tolerante Worte wie „Alle sind willkommen“ getreu dem klassischen Motto „Gott liebt den Sünder, aber hasst die Sünde“.

Bis vor Kurzem wurde der CT von Roland Werner geleitet, der angibt, seine eigene Homosexualität „überwunden“2 zu haben, Seminare zu dem Thema Veränderung der homosexuellen Orientierung angeboten hat3 und der „Ex-Gay-Bewegung“4 zuzuordnen ist. Er ist Mitglied im Deutschen Institut für Jugend und Gesellschaft (DIJG). Das Institut gehört zu der Offensive Junger Christen (OJC, mit welcher der CT eine enge Zusammenarbeit pflegt5). Bis 2017 wurde das Institut von Christl Ruth Vonholdt geleitet. Sie äußert sich über Homosexualität wie folgt: „Es gibt zahlreiche Hinweise darauf, daß eine homosexuelle Neigung in einem komplizierten Entwicklungsprozeß erworben wird und daß frühkindliche emotionale Verwundungen, die zu einer Verunsicherung des Kindes in seiner geschlechtlichen Identität führen, eine entscheidende Rolle dabei spielen.“6. Sie plädiert für die Chance auf eine „heterosexuelle Weiterentwicklung“7. Auf der Homepage wird auch heute noch auf Lehrbücher von „Therapeuten“ verwiesen, bei sogenannter „ichdystoner Homosexualität“ „Reperativtherapien“ anbieten.8. Wie die neue Rechte spricht auch die DIJG von „Gender-Ideologie“ und „Gender-Agenda“9, Begriffe, die an die alten Bilder einer imaginierten schwul-lesbisch-feministischen Weltverschwörung erinnern.

Auch wenn der CT versucht, öffentlich möglichst wenig angreifbar zu sein; von Positionen wie der OJC oder dem DIJG, geschweige von Werner, wird sich nicht distanziert. Stattdessen wird Zusammenarbeit gepflegt. Geschichten von lesbischen Paaren, die auf offener Straße oder sogar an der Wohnungstür von Mitgliedern des CT angesprochen wurden, sind leider keine Einzelfälle. Der Druck, der ausgeübt wird, ist subtil – und stellt dadurch gerade für Jugendliche eine Gefahr in der Entwicklung ihrer Sexualität und Selbstbestimmung dar. Der CT ist jetzt schon sehr aktiv in der Arbeit mit Jugendlichen und bekommt dafür Gelder von der Stadt Marburg. Ihm gehören ein Büro am Steinweg, ein Jugendtreff auf dem Richtsberg, das Christhaus am Ortenberg und das Café Con:text in der Oberstadt. Damit ist der CT mehr als genug in der Stadt verbreitet. Wenn der religiöse Fundamentalismus sich nicht christlich-tolerant kleiden würde, wäre es nicht möglich, so viel in der Stadt missionieren zu dürfen. Wenn noch der Lokschuppen an den CT und Umfeld geht, werden auch weitere Arbeitsplätze in Marburg nur einem begrenzten Personenkreis zugänglich sein. Teile der Gemeinschaft kommen stets zuerst, und 2009 machte Werner deutlich, dass „Homosexuelle es bei uns in den Strukturen nicht weit bringen werden.“10

Während der öffentlichen Infoveranstaltung der Stadt Marburg wurde deutlich, dass bei einer Vergabe des Lokschuppens an die Bietergemeinschaft Schneider und CT die Gefahr besteht, dass Menschen dort aufgrund ihrer Sexualität und Geschlechtsidentität diskriminiert werden. Diese Gefahr erkennend hat Oberbürgermeister Thomas Spies eine Antidiskriminierungsklausel vorgeschlagen, die die „Gefahr von der Stadt Marburg abwenden soll, diskriminierendes Verhalten zu fördern“. Diese Klausel soll sich auf die Vergabe der Räume an Dritte beziehen. Auch wenn wir die Einschätzung teilen, dass durch die Vergabe von Räumlichkeiten durch den CT an Dritte diese Gefahr besteht, da der CT bereits in der Vergangenheit mit homo- und transfeindlichen Initiativen zusammengearbeitet hat11, finden wir den Vorschlag doch völlig unzureichend. Bereits mit einer Vergabe des Lokschuppens an den Christus Treff selbst besteht die Gefahr, dass es zu Diskriminierung gegenüber homosexuellen Menschen und Transpersonen kommt. Darüber hinaus wird diese Gefahr nicht durch eine Klausel gebannt, die lediglich die Stadt Marburg schadlos halten soll, jedoch nicht verhindert, dass der CT seine in der Vergangenheit erwiesene antiegalitäre Haltung gegenüber Homosexualität und Transidentität, in Handlungen umsetzt, die homosexuelle und transidente Menschen diskriminieren.

Wenn Diskriminierung nicht real ein Riegel vorgeschoben werden kann, darf der Lokschuppen nicht an die Bietergemeinschaft Schneider und CT vergeben werden! Das – und nicht die formale Einführung nur sehr eingeschränkt wirksamer Klauseln – ist die Konsequenz, die die Stadtverordnetenversammlung aus den dargelegten Argumenten ziehen muss.

Das Waggonhallengelände lebt davon, dass die kulturellen und sozialen Initiativen vor Ort einen gemeinsamen Austausch pflegen. Ob dies mit der Bietergemeinschaft Schneider und CT möglich ist, bezweifeln aber die Betreiber*innen und Aktiven der Waggonhallen-Initiativen stark. So war bislang kein Wille der Bietergemeinschaft erkennbar, in ein gemeinsames Gespräch mit allen Beteiligten auf dem Waggonhallengelände zu gehen, um über die Gestaltung dieses Orts und die jeweiligen Perspektiven der kulturellen und sozialen Initiativen zu sprechen. Damit die Marburger Waggonhallen weiterhin ein Ort sind, den alle Menschen unabhängig von ihrer jeweiligen Sexualität und Geschlechtsidentität real (und nicht nur auf dem Papier) nutzen und besuchen können, sollte der CT dort keine Räume nutzen dürfen oder gar überlassen bekommen.
Das Bündnis Kein Raum für Sexismus, Homophobie und religiösen Fundamentalismus

 

2 Bernd Wannenwetsch: Studie: Das „Natürliche“ und die „Moral“. Zur neueren Diskussion um die Homosexualität in der Kirche. In: Zeitschrift für evangelische Ethik (ZEE) 38 (1994), S. 168–189, 184

7 Ebd.

10 Augenzeugenbericht zu Roland Werner als „Mittwochsgast“ beim Collegium Philippinum

11 Als Beispiel sind hier die Offensive Junger Christen genannt sowie der Verein „Wüstenstrom“.

Bitte verbreitet diesen Brief weiter und meldet Euch bei uns, wenn ihr den Brief gerne unterzeichnen wollt.

Geänderte Öffnungszeiten

Hallo hallo!

Seit dem 28. April haben wir geänderte Öffnungszeiten für einen Besuch im AFLR, um Bücher und DvDs auszuleihen oder auch mal im offenen Plenum vorbei zuschauen. Also: Freitags immer von 12:30 bis 14:00 Uhr. Wir freuen uns über Besuch!
(Bitte bedenkt, dass der Raum des AFLRs FrauenLesbenTrans* only ist!)

Book Release Party

Das Autonome FrauenLesbenReferat Marburg lädt mit der Autorin Peet Thesing und in Kooperation mit der dispo Gruppe Café Trauma zur Lesung ihres neuen Buches „Feministische Psychatriekritik“ am 29.März um 19 Uhr in die Baari Bar ein. Im Anschluss gibt es Sekt und Zeit, gemeinsam an der Bar zu sitzen, zu diskutieren und zu feiern.

Tolle neue Fotos mit diesen super schicken Stickern! Dieses Mal wurden sie in Köln aufgenommen!

Schicke Fotos fürs AFLR Marburg aus Wien erhalten

Ey coole Sticker! Diese Fotos wurden uns aus Wien zugeschickt! Falls ihr bei euch in der Stadt auch welche findet, schickt uns gerne Fotos!

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Queer-feministische Einführung in Gebärdensprache fällt aus

Der für Januar geplante Workshop zur queer-feministischen Einführung in Gebärdensprache fällt leider aus. Einen Ersatztermin wird es bis auf Weiteres nicht geben.



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