Wer auch immer der Täter ist II

Vor kurzem haben wir ein Schreiben von der Gruppe Solidarische Feministinnen über die physische und psychische Gewalt eines vermeintlich feministischen Mannes veröffentlicht. Auf Grund von Androhungen rechtsstaatlicher Gewalt mussten wir uns leider dazu entschließen, den Text vorerst von unserer Homepage zu nehmen.
Wir sehen es als unabdingbar an, auf Gewalt in linken und feministischen Kontexten hinzuweisen. Auseinandersetzung und Konfrontation mit Gewalt gegen Frauen* ist immer und überall notwendig. Insbesondere in linken Szenen wird nach außen darauf wert gelegt, dass die Themen Sexismus und Feminismus in die eigenen politischen Analysen mit einfließen. Doch oft gehen dann Theorie und Praxis nicht zusammen. Auf antifaschistischen Camps ist es mittlerweile gang und gäbe, dass es eine sogenannte AwarenessStruktur gibt. Doch wer fordert diese ein? Wer stellt diese Struktur? In der Mehrheit sind es die Frauen* und Trans*personen, die diese Strukturen stellen.

Jaja, die Definitionsmacht
Festhalten lässt sich, dass Diskussionen über die Definitionsmacht innerhalb der Szene weitestgehend nicht mehr in einer solchen Schärfe geführt werden wie noch vor ein paar Jahren. Aber hat sich etwas geändert, wenn Gewalt als solche benannt wird und der Gewaltausübende sich in der linken Szene bewegt? Gewalt gegen Frauen* anzuerkennen scheint wohl nur dann möglich, wenn man diese gesamtgesellschaftlich betrachtet oder auf eine einzelne böse Person schieben kann.
Die man dann auch einfach aus der Szene ausgrenzt, aus Gruppen und Szenelokale schmeißt und somit scheint das Problem gelöst zu sein. Jede 7. Frau* erlebt in ihrem Leben schwere sexualisierte Gewalt und der Täter ist in den meisten Fällen bekannt. Jede 4. Frau* erlebt in ihrem Leben Gewalt durch Beziehungspartner. Doch leider gibt es keine Zahlen dazu, wie viele Männer in ihrem Leben psychische oder physische Gewalt ausüben. Somit bleibt der Fokus auf der Betroffenen. Der Mythos, dass es sich um einen fremden Mann handelt, der eine Frau nachts mit einem Messer plötzlich anfällt und vergewaltigt, dient einzig dem Zweck, patriarchale Strukturen und deren Machtgefüge aufrecht zu erhalten. Denn da ist der Täter ein fremder gefährlicher Mann, der nichts mit dem oder denen zu tun hat, mit denen eine befreundet ist. Doch wenn man den Statistiken folgt, sind der unsicherste Ort die eigenen vier Wände, insbesondere wenn man mit „mein Freund“ zusammen wohnt.
Wenn eine Frau* ihre erlebte Gewalt öffentlich macht, scheint es von Seiten des Täters nicht möglich zu sein, zu sagen: „Ja, ich hab scheiße gebaut!“. Alle Männer in der linken Szene sind schließlich reflektierte, oft als Feministen bezeichnete, Männer. Das führt dazu, dass es undenkbar ist, dass diese gewalttätig geworden sein könnten. Das geht soweit, dass der Frau* ihr Erlebtes nicht abgesprochen, aber betont wird, dass es immer zwei Wahrheiten gibt. Das Anerkennen bezieht sich nur auf das Gefühl der Frau* geschlagen worden zu sein, nicht auf die Tat. Die Definitionsmacht wird ad absurdum geführt. Somit wird Gewalt weggewischt – sie bleibt als Problem bei der Betroffenen. Es gibt wieder einmal Gewalt ohne Täter. Wir finden diese Rhetorik zum Kotzen.

An alle sogenannten Feministen: Es reicht nicht mal ein schlaues Buch zu lesen und sich als reflektiert zu bezeichnen oder zu betonen, dass man doch ganz anders ist. Sich mit Sexismus, Patriarchat und Gewalt gegen Frauen* auseinanderzusetzen, bedeutet auch immer, sich mit sich selbst – insbesondere als CisMann – auseinanderzusetzen.
Wenn Veranstaltungen zum Thema Patriarchat und Gewalt gegen Frauen* gemacht werden, tauchen diese Männer selten auf. Auch wenn diese Veranstaltungen, um Austausch zu ermöglichen, open to all gender sind. Denn sie sind ja nicht gemeint, sie sind nicht betroffen, sie haben mit dem Ganzen nichts zu tun. Sie fragen nicht bei feministischen Veranstaltungen, ob sie vielleicht Essen kochen oder Putzdienste übernehmen sollen – all die Arbeit, die oft im Hintergrund stattfindet. Aber Hauptsache, der FeminismusButton ist fest an die Jacke gepinnt.
Vergewaltigung und Gewalt gegen Frauen* sind Taten ohne Täter, niemand fühlt sich je als Vergewaltiger, niemand will der Böse sein. Es war alles nur ein Missverständnis, anders gemeint, die Frau* reagiert übertrieben sensibel. Weiße, bürgerliche Männer werden so gut wie nie für ihre Taten zur Verantwortung gezogen. Sie sind selbst fest davon überzeugt, dass ihre Wahrheit die Realität ist – männliche Allmachtsfantasien haben sich historisch bewährt.

In einem linken, feministischen Gewand können sie sich dann besonders gut schützen, denn sie sind erhaben mit ihren GenderZertifikaten und sogenannten feministischen Forschungen. Wir sagen: Wir haben kein Bock auf eure Belehrungen, auf eure Erkenntnisse und eure Wahrheiten. Hört endlich auf zu prügeln, hört endlich auf zu vergewaltigen und euch der Verantwortung zu entziehen.

Für einen entschlossenen Frauen*kampftag! Jeden Tag!Gegen Patriarchat und Kapital – für den Feminismus radikal!

Rede anlässlich des Frauen*kampftages 2015